Ein langer Tag

Ende September fuhr ich zurück nach Deutschland. Meine Abreise hatte sich verzögert, so dass ich einen Großteil des Weges mit dem Zug zurücklegte. 

Es war einer von diesen Tagen. Am Abend zuvor hatte ich mein Zelt schief aufgebaut, so dass ich mit dem Kopf nach unten schlief. Mitten in der Nacht drehte ich mich um. Das war auch nicht besser. Zusammen mit dem Straßenmusiker Dave Shire hatte ich das klassische Bier zuviel getrunken. Sein Song The Road to Anywhere hatte mich so glücklich gemacht.

Dave beschoss, Musiker zu werden und nach Südfrankreich zu ziehen, nachdem er 1.000.000 Meilen mit dem Truck durch Britannien gefahren war. Zehn Jahre lebte er in der Jugendherberge von Nîmes. Jetzt kommt er meist im Sommer, wenn London ihn zu sehr nervt. Sein Zelt wird in der Herberge verwahrt und wartet auf ihn. Ist er knapp bei Kasse, nimmt er die Gitarre und spielt in der Innenstadt, wo ihn viele noch von früher kennen.

An diesem Tag war Dave ebenfalls früh aufgestanden. Er wollte sich ein paar Euro dazu verdienen, um die Durststrecke bis zur Überweisung seiner Rente zu lindern. Einmal knapp bei Kasse, immer bei Kasse: Das Credo der Straße. Bevor ich mich Richtung Bahnhof aufmachte, gab ich ihm einen Brief an Kevin, den ich schon auf der Hinreise in der Auberge getroffen hatte. Kurz darauf trat ich einen Haufen Hundescheiße.

Ich ging ins Bad und zog den Schuh aus, um ihn zu untersuchen. War das wirklich Hundscheiße? Der Geruchstest trieb mir die Tränen in die Augen und legte mein Riechorgan für die nächsten zwei Stunden völlig lahm. Notdürftig kratzte ich den Schuh sauber. Das Zeug klebte, als wäre es dafür gemacht, stunden-, wenn nicht tagelang in der Profilsohle von Wanderschuhen zu hängen. Vor mir lag eine lange Bahnfahrt. Wer einmal mit stinkenden Schuhen zwei Stunden in einem Abteil verbracht hat, der will das nicht wiederholen. Wie gesagt: Notdürftig. Die Schuhe stanken noch immer. Sie stanken so stark, dass mir beim Schreiben noch der Geruch durch die Nase weht.

Für die Strecke bis Lyon hatte ich mit dem Rad fast vier Tage gebraucht. Im Zug dauerte sie anderthalb Stunden: Das Rhone-Tal sauste vorbei, die Alpen zur Rechten. Wer in meiner Nähe saß, wirkte schlecht gelaunt. Lag das am Geruch? Weiter ging es nach Chalon-sur-Saône ins Burgunderland.

Diese Stadt war schon auf der Hinreise ein Nadelöhr gewesen. Fast verdurstet und mit glühendem Kopf war ich über eine enge Nationalstraße voll schnell fahrender LKW die letzten Kilometer in die Stadt gefahren, bis ein Netto-Supermarkt mich erlöste. Am nächsten Tag verfuhr mich in den Ausfallstraßen und brauchte 20 Kilometer, um zur ursprünglichen Route zurückzufinden.

Jetzt war es nicht besser. Mein Plan, eine Tagesetappe mit dem Rad einzulegen, erwies sich als Schnapsidee. Es gab in der ganzen Stadt keine Radwanderkarte. Man verkaufte mir kalte Quiche, die Zeitungsdame gab mir türkisches Geld statt einer 2-Euro-Münze und meine Schuhe stanken noch immer. Ich beschloss, weiterzufahren und kaufte ein Ticket nach Belfort trotz der Tatsache, dass meine Karte keinen Campingplatz anzeigte und ich erst im Dunkeln ankommen würde.

Als ich mich über den verbotenen, flachen Übergang abseits der Gleise schleichen wollte, um das bleischwer bepackte Rad nicht die Treppen runter und rauf zum Bahnsteig schieben zu müssen, pfiff mir ein napoleonesker Bahnangestellter hinterher. Er verlangte das Vorzeigen meines Tickets und zwang mich, das Rad zu tragen. Ich kam mir vor wie Krimineller.

Umstieg in Dijon. Riesenchaos am Bahnhof. Alles voll Menschen: Mit dem dick bepackten Rad kam ich kaum durch. In der Eingangshalle war es am vollsten: Reisende standen vor den Anzeigetafeln und warteten darauf, dass die Abfahrtszeiten- und Gleise für Züge angezeigt wurden, die schon vor einer Stunde hätten abfahren sollen.

Ich setzte mich in die Sonne, um zu rauchen. Ein dicker Südländer schnorrte Tabak. Mein Blättchen gefielen ihm nicht - murrend gab er mir den Beutel zurück und zog davon. Hinter seinem Ohr steckte eine Filterzigarette. Ich kaufte einen halben Liter Evian für zwei Euro und fragte einen Mitarbeiter der Bahngesellschaft was los sei. Offenbar eine Signalstörung. Wohin ich fahre? Nach Belfort. "Ah! That's the line we have problems with!"

Mein Herz sank in die Knie. Längst wusste ich, dass ich einen von diesen Tagen erwischt hatte, an denen alles schief zu gehen scheint. Genau: Es scheint nur so, denn kurz darauf wurde mein Zug angezeigt. Ein letztes Mal manövrierte ich das Rad duch den überfüllten Bahnhof zum Bahnsteig. Tatsächlich fuhr der Zug nach einer Dreiviertelstunde des Wartens los.

Belfort liegt im Departement Franche-Comte zwischen dem heutigen Burgund und dem Elsass. Bisher war meine Route exakt dem Hinweg gefolgt - der Faden rollte sich von hinten auf: Ich konnte Revue passieren lassen, was geschehen war. Ganz zu Anfang meiner Reise hatte ich in Mulhouse vorm Aldi einen Mann kennengelernt, der mir Belfort besonders empfahl - also hin da!

Es wurde langsam dunkel. Zusteigende trugen Jacken, sogar Schals! Ich hatte drei Monate keinen Schal gesehen. In Belfort kamen wir gegen halb neun an. Meine Karte zeigte keinen Campingplatz, nur eine Jugendherberge. Im Dunkel verfuhr ich mich kolossal. Immerhin hatte ich genug französisch gelernt, um die umständliche Wegbeschreibung eines Sicherheitsbeamten an der technischen Hochschule verstehen zu können, um die ich dreimal im Kreis gefahren war.

Und tatsächlich fand ich die Herberge, einen modernen Kasten, der mit meinen Erwartungen eines gemütlich-schrabbelingen Gebäudes nichts zu tun hatte. Oben an der Rezeption saß ein Mann mit eng stehenden, geröteten Augen und Schmerbauch. Er flatterte mit den Flügeln: Voll. Der Laden war voll. Unverrichteter Dinge zog ich ab in die Nacht, ins Dunkel, mit stinkenden Schuhen. Unterwegs hatte ich ein Hinweisschild zu einem Campingplatz gesehen. Noch konnte ich hoffen, nicht wild, nass, kalt und ungewaschen campen zu müssen.

Erstmal in die Innenstadt, was essen. Ein junger Mann am Straßenrand sprach mich an und fragte, ob ich Hilfe bräuchte: Sowas ist ungewöhnlich, aber er sagte es auch selbst: Die Menschen in Belfort sind freundlich und hilfsbereit. Er beschrieb mir den Radweg zum Campingplatz und empfahl einen guten Dönermann am Bahnhof. Dort aß ich, trank ein Bier und machte mich auf die Suche nach dem Eldorado für die kalte Nacht. Was für ein Glück: Es war fünf vor zehn, als ich ankam. Der Chef und sein alterschwacher Schäferhund wollten gerade das Tor abschließen. Auf wunderbar weichem Boden schlief ich ruhig, aufgehoben und glücklich in meinem kleinen Zelt. Die Schuhe blieben draußen.