Allein Reisen

Wir alle wissen, dass Alleinsein ungesund sein kann. Im Gegensatz zum Isolations-gefühl, das bei singulärem Aufenthalt in Häusern bereits nach drei Tagen einsetzen kann, ist das Alleinsein auf dem Rad ein Gutes.

Während der ersten Woche erlebte ich das klassische Lösen von Frustrationsablagerungen. Im Yoga ist es eine altbekannte Tatsache, dass seelische Spannungen im Gewebe des Körpers gespeichert werden. Besonders Frustration und Wut wandern in die Beine. Diese Ablagerungen; alte, ungute Gedanken, versteckter Streit, Starre und Wut, kamen in den ersten Tagen in Form teilweise äußerst beschissener Laune zum Vorschein. Das habe ich auch bei früheren Reisen erlebt, es aber noch nicht als natürlichen Vorgang erkennen können. Oft waren Spannungen mit Reisegefährten die Folge.

Nach einer Woche hatte sich mein System gereinigt. Raum für Gedanken aus der Warteschleife entstand. Vieles wird im städtischen Stress so oft als nicht wichtig klassifiziert und nach hinten geschoben, dass es irgendwann gar nicht mehr nach vorne kommt. Radelnd befreit sich der Kopf. Den Rhein-Rhone-Kanal zur linken, den Himmel über dem Kopf und die lange, gerade Linie des Weges vor mir, räumte er sich auf wie ein chaotisches Zimmer, in dem jedes Teil seinen Platz findet.

Wer länger allein reist, dem begegnen mit der Zeit die Menschen ganz von selbst. Leute kamen von sich aus auf mich zu - es musste sich etwas an meiner Ausstrahlung geändert haben, denn sonst ist das nicht der Fall.

Mit zwei oder mehr Leuten unterwegs zu sein, bietet grundsätzlich Vorteile gegenüber der Solonummer. Allerdings lernt man ganz andere Sachen. Allein auf der Straße unterwegs zu sein, macht es buchstäblich möglich, an sich zu arbeiten, - ein Ausdruck, der so verbraucht ist, dass ich jetzt 5€ ins Phrasenschwein werfen muss.

Durch die vom sonstigen Lebensalltag losgelöste, erhöhte Bewusstheit kann man die Instinkte wacher werden lassen. Wir alle tragen wesentlich mehr davon in uns, als wir wissen - vielleicht wissen wollen (nochmal 5€...). Zwar versuche ich auch im Alltag, meiner buchstäblichen Nase zu folgen, aber das erweist sich immer wieder als sehr schwierig. Die Zahl der Eindrücke gepaart mit der Unruhe, welche das urbane Leben mit sich bringt, machen es fast unmöglich, noch zu wissen, welchem Impuls man eigentlich gerade folgt. Sind es Gedanken? Sind es Ängste oder einach nur Triebe?

Ich habe versucht, mehr meinem Gespür als meinen Gedanken zu folgen und nicht die Trägheit, die sich stets den Weg des geringsten Widerstandes sucht, sprechen zu lassen. Das zahlt sich aus. Man mag es nennen, wie man will - Zufall, positives Denken, ein Geführt-Sein, von mir aus auch Gott. Sich dem Weg zu öffnen lässt einen genau jene Zimmer betreten, in denen die nächstliegenden Aufgaben und Freuden bereit stehen. Manchmal geht das am besten, wenn man die Straße allein betritt.