Schild, Rabe, Kronen - 29.01.2014

Vor einer Woche:


Mittwoch, gleich halb zwölf. Sitze in einem Café im Prager Flughafen. Bin schon durch die Sicherheitskontrolle. Auch wenn ich in den letzten Jahren nur ein paar Mal geflogen bin, habe ich Routine darin entwickelt, meinen Gürtel auszuziehen, den Laptop, das Handy, den Kindle und die in einen Plastikbeutel verpackten Flüssigkeiten in eine der flachen Kisten zu legen und zu fragen, ob ich meine Wanderschuhe mit den Metallösen anbehalten kann.

Tschechien... am Montag Morgen nahm ich den Regional Express von Ehrenfeld zum Flughafen Köln. Den Boarding-Pass hatte ich ausgedruckt und ging direkt durch die Sicherheitskontrolle. Auf der anderen Seite ins WC, um meine Wasserflasche aufzufüllen. Ich füllte sie nur halb in dem Bewusstsein, dass ich in Prag Gelegenheit haben würde, mir etwas zum Essen und Trinken zu kaufen.

Kaum hatte ich zehn Minuten gewartet, konnten wir an Bord gehen, eine kleine Airbus-Maschine, kaum ein Drittel gefüllt.

Routinierte Service-Crew mit blanken Augen. Ich saß am Fenster links, allein auf meiner Seite. Auf der anderen Seite des Ganges ein breiter Mann mit Kindergesicht und eine ältere Dame im Pelzmantel und den dazugehörigen rot-roten Lippen. Der Mann hielt während des Fluges ein großes, selbstgemachtes Stofftier umarmt. Beim Start umklammerte er es - er schien Angst zu haben. Ich hörte Musik von Moby und las Hemingways "The Sun Also Rises" - von dem ich nicht gewusst hatte, dass das nur der alte Titel von "Fiesta" ist. Ich hatte ein paar Seiten gelesen und es nachgeschlagen, weil mir alles so bekannt vorkam. Las es trotzdem zum vierten Mal. Erst nervte mich der Name des Grafen Mippipopolous, but he's a swell guy. Großartiges Buch.

In Prag fragte ich eine Inforamtionsdame, wie ich zum Hauptbahnhof (hlavní nádraží) kommen könne. Sie wies mir den Weg zum Bus. Ich ging raus vor die Tür und stellte mich zu den anderen Wartenden. Es war sehr grau, aber nicht kälter als in Deutschland. Grau und feucht lag auf der anderen Seite der Straße ein Parkplatz - der gesamte Einfahrtsbereich ist überdacht, alles war dunkel und feucht. Erst am Ticketautomaten sah ich, dass es in Tschechien immer noch die Krone gibt. Ich dachte, hier sei Euroland. Ging wieder rein und wechselte zu einem sehr schlechten Kurs 60 Euro (bekam 1350 Kronen).

Der Bus war nicht voll. Hinter mir ein Paar ältere Japaner. In tschechischen Bussen wird schon bei der Ankunft an einer Station die nächste angesagt. Nach einer halben Stunde erreichte der Bus die Innenstadt. Manches kam mir bekannt vor. Hier fahren immer noch die alten Straßenbahnen wie damals. Der Bus hielt, die Ansage: Praha hlavní nádraží - ich stieg aus und vor mir lag tatsächlich ein Bahnhof, ein überschaubarer Kopfbahnhof mit einer Handvoll Gleisen. Er sah ganz anders aus als ich den Prager Hauptbahnhof in Erinnerung hatte. Egal. Ich ging rein, fand die Ticketboxen und kaufte bei einer Frau mit Blasen auf den Lippen und riesigen Brillengläsern ein Ticket nach Řehlovice für 163 Kronen. Der Zug fuhr sofort. Ich hatte keine Zeit, mir etwas zu essen zu kaufen oder meine Flasche aufzufüllen. In einer Mail der Kontaktperson von ASF in Tschechien hatte gestanden, die Zugfahrt nach Ústí nad Labem dauere 1,20 Stunden. So lange würde ich es locker aushalten.

Im Zug, einem Doppeldecker, las ich weiter Hemingway. Draußen alles grau, nebelig und vom Winter niedergedrückt. Zwischendurch döste ich. Die 1,20 Stunden waren längst vorbei. Hatte ich die Station verpasst? Am nächsten Halt ging ich zur Tür und sah am Bahnsteig auf die Schilder. Nein - Ústí nad Labem war das Ziel der Reise. Offenbar hatte ich die Gießkannenbahn erwischt, die alle drei Minuten anhielt. Mit dem Kindle schlug ich Wikipedia auf und las über Ústí nad Labem. Elbetal im tschechischen Norden, eine Mauer mitten in der Stadt, die Roma von den Reichen trennen sollte und für großes Aufsehen sorgte. Ankunft. Ein Sandwich und eine Flasche Wasser, endlich. Eine SMS an Christine von ASF. Sie antwortete und bat mich, ein Ticket nach Řehlovice für sie zu kaufen. Wenig später traf sie ein. In einer winzigen Bimmelbahn fuhren wir weiter. Fast hätten wir den Zug verpasst. Er fuhr von Gleis 1A - hinter einem Gebäude versteckt. Wir merkten das im letzten Moment und rannten. Der Zug fuhr bereits an, hielt aber nochmal. Willkommen in Tschechien!

Řehlovice ist ein winziger Ort. Hier leben ein paar hundert Menschen. Ein verschlafenes Dort mit einem von Vietnamesen geführten Lebensmittelladen. Mittendrin liegt dieser riesege, halb verfallende Gutshof, mit dessen Aufbau Lenka Holikova seit 15 Jahren beschäftigt ist. Der Innenhof muss allein 80 x 100 Meter groß sein, in der Mitte ein Speichergebäude, darum Wiesen, ein Teich. Über die gesamte Länge der linken Seite zieht sich ein Gebäudekomplex, in dem sich zwei kleine Wohnungen befinden. Dazu hat Lenka einen Speisesaal eingerichtet und einen großen Schlafraum für einige Dutzend Menschen. Jedes Bett sieht anders aus - alles wurde fast ohne Geld organisiert. Die Toiletten und Duschen sind liebevoll mit Mosaiken ausgekleidet. Weiter hinten ein großer, offener Galerieraum. In der Kopfseite eine Außenküche, ein Pizzaofen, mehr mosaikbelegte Waschräume, eine ganze Flucht Schlafzimmer voller Betten. Weiter hinten tiefe, dunkle, geziegelte Räume, in denen Künstler ihre Ideen installiert haben. Und in einer Voliere - ein Rabe. Im Schnabel hält er ein Stück Fleisch, minutenlang sehen wir uns an. Ich würde ihn gerne näher kennenlernen.

Wie bin ich hier hin gekommen?

Es  begann damit, dass ich ein Schild in mein Fenster klebte. Auf dem Schild steht:

Max Pothmann
Lektorat, Werbetexte und Slogans
Möbel, Betten und Lagersysteme
Fotografie
Tel.: 0221-...

Wenig später erreichte mit eine Anruf von Erdal Sahin. Er fragte mich, ob ich sein Buch "Transformation zum Täter von 1915" lektorieren könne. Erdahl Sahin erzählt in diesem Buch anhand seiner Biographie davon, wie die Türkei den armeneischen Genozid während der Zeit des ersten Weltkrieges nicht anerkennt.

Ich selbst habe von 1998-2000 einen Freiwilligendienst mit der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) in Norwegen absolviert. ASF setzt sich intensiv mit der deutschen Geschichte und unserer Erinnerungskultur auseinander. Ich war damals der Auffassung, dass mich diese Geschichte persönlich betrifft - ich schämte mich als Deutscher in den europäischen Nachbarländern (zum Beispiel in Holland). Damit wollte ich aufräumen und verbrachte letztendlich anderthalb lehrreiche Jahre in Norwegen.

Auch Erdahl Sahin hatte mit der Erinnerungskultur seines Heimatlandes Schwierigkeiten - ich erwähnte während eines Gesprächs meine Verbindung zu ASF (nach meinem Dienst hatte ich ein Weilchen im Büro des Vereins in Berlin gearbeitet). Und siehe da: Er kannte ASF und hatte selbst ein Seminar besucht, dass ihn schwer beeindruckt hatte.

Spontan schrieb ich einer Mitarbeiterin des Vereins eine Email, in der ich meine Begegnung mit Herrn Sahin schilderte. Gleichzeitig erwähnte ich die schon seit einigen Jahren schwelende Idee für ein Performance-Sommerlager.

Neben den längerfristigen Diensten organisiert ASF internationale Sommercamps mit unterschiedlicher, häufig praktischer Ausrichtung - zum Beispiel der Restauration jüdischer Friehöfe, deren Gemeinden seit der Judenverfolgung während des Hitlerregimes nicht mehr existieren. So ein Sommerlager mit der Überschrift Performance wollte ich ins Leben rufen.

Meine Idee fand Anklang. Als Ort kam Řehlovice ins Spiel.

Von Řehlovice fuhren wir am Dienstag mit dem Auto über Terezin nach Litoměřice. Links und rechts Hügel wie aufgeschüttet im Nebel - es sah aus, als rauchten sie wie Vulkane, der Dunst hing in den Baumwipfeln der Gipfel fest. Terezin ist eine Garnisionsstadt aus dem 18. Jahrhundert, als Festung angelegt, ausgelegt für 7.000 Menschen. In den härtesten Zeiten des Durchgangslagers lebten hier 58.000 in Scheiß, Krankheit und Dreck buchstäblich aufeinander. Die Festung zeigte, dass ein schwer von außen einnehmbares Bollwerk sich bestens als Gefängnis eignet. In diesem Falle eine ganze, verdammte Stadt. Weiter. Ein riesiges Chemiewerk. An Plattenbauten vorbei in die Stadt Litoměřice (Leitmeritz) - Kopfsteinpflaster, alte Häuser in Pastellfarben, langsames Tempo. Wie muss es sein, hier zu leben mit einem Smartphone in der Tasche wenn man umgeben ist von solch alter, handfest-schöner Baugeschichte? Zerreist einen das nicht? Aber der Mensch ist ein Wesen der Widersprüche.

Lenka fuhr uns zur Wohnung der Freiwilligen. Wir hatten nur leicht gefrühstückt und waren durchgefroren. Ich legte meinen Rucksack ab. Wir verabschiedeten uns von Lenka und gingen zum Stadtplatz. Christine, die auch keine Kronen dabei gehabt hatte, hob Geld ab und wir aßen in einem Kellerrestaurant mit englischer und deutscher Karte. Wildschwein. Rind. Radler, zum Schluss ein Espresso, der ein doppelter war und mich nachts vom Schlafen abhalten sollte. Das ganze für 10 Euro pro Person. Willkommen in Tschechien!

Erst jetzt hatten Christine und ich Zeit, auf Tuchfühlung zu gehen. Wir fanden auch endlich einen gemeinsamen Humor (englische Worte einbauen). Nach dem Essen brachte ich sie zum Bahnhof, es hatte leicht zu schneien begonnen. Wir umarmten uns kurz in der Halle. Draußen las ich den Busplan. Keine ideale Abfahrtszeit nach Prag am nächsten Morgen. Ich lief zurück. Die Stadt gefiel mir - wie mir Tschechien überhaupt gefällt. Die Menschen sind unhektisch und nahbar. Autos halten an Zebrastreifen, keiner hastet. Wenn nur die schwierige, unherleitbare Sprache nicht wäre!

In der Wohung traf ich auf André, einen Deutschen, der seit vier Jahren hier lebt und Deutsch unterrichtet. Fand Zeit, ein wenig zu arbeiten und mir eine Verbindung zum Flughafen für den nächsten Tag zu suchen. Die beiden Freiwilligen, Christian und Sophie kamen. Ich fühle mich schon wie ein Opa - sie waren vier Jahre alt, als ich meinen Dienst begann.

Abends drehten wir ein Runde um den Block, vorbei an (tatsächlich) gemütlich wirkenden Plattenbauten. Es begann zu schneien. Nach dem Spaziergang in die "Schlappenkneipe", die so heißt, weil man in Pantoffeln hineingehen kann - sie liegt direkt vor der Haustür der Freiwilligen. Nichts los allerdings. Oben im Winkel ein Fernseher, in dem ein altern tschechischer Film lief. Wir tranken Bier für weniger als 90 Cent und unterhielten uns über Wandermöglichkeiten in Tschechien. Ich schlief in der Küche in muffeligem Bettzeug, den W-Lan-Router gleich neben meinem Kopf. Las die erste Geschichte von "Men Without Women".

Morgens ein Kaffee, eine Orange, etwas Wasser ins Gesicht, Abschied von den Freiwilligen. Ein letzter Check meiner Reiseverbindung mit André, dem Experten. Nachts hatte es weiter geschneit - draußen eine weiße Welt, die Autos rutschten, ich kam mir vor wie der einzige Mensch.

Ein winziger Bahnhof, mehr eine Haltestelle. Wieder stieg ich erst falsch ein - in den Zug der Gegenrichtung. Fünf Minuten später der Richtige - meine Umsteigezeit in Lovosice bereits überschritten. Aber aufgrund der Berichte der Freiwilligen machte ich mir keine Sorgen: Die Tschechen sind entspannt; Anschlusszüge warten. Über die Elbe. Das Chemiewerk. In Deutschland wären die Schornsteine doppelt so hoch. Riesige Strommasten am Ufer, von Betonmauern gegen Überschwemmung geschützt. Umstieg in eine Uraltbahn. Völlig überheiztes Abteil, das ich mit einem breiten Mann in Arbeisschuhen teilte. Ich hörte karibische Musik und las "A Farewell to Arms".

Prag Hauptbahnhof. Das letzte Mal war ich hier 2000. Damals war mir alles dunkel und häßlich vorgekommen. Jetzt hell und halbwegs geordnet. Bereit für die Touristenmassen im Sommer. Das WC kann man auch mit Euro bezahlen. Der Wechselkurs viel besser als am Flughafen. Leider konnte ich die alte Eingangshalle nicht anschauen - Renovierung. Überpünktlicher Bus oben an der Stadtautobahn. Mit dabei: Eine norwegische Familie mit Zwillingen.

Im Flughafen hatte ich Zeit für eine Tasse Kaffee und ein Croissant, bevor mich erneut ein kleiner Airbus von Germanwings nach Köln zurückbrachte. Die dicke Frau und der Mann mit dem Stofftier waren wieder dabei. Ich begann Hemingsways „A Farewell to Arms“ - dass nicht ganz so glänzend abschneidet wie „The Sun Also Risies“. Großartig die Beschreibung seines eigenen, kurzen Todes. In Köln - oh Wunder! - Sonnenschein.