Rotweinsommer - 22.03.2011

Neulich ergab sich ein Gespräch über die Frage nach dem besten Sommer. Wir waren überrascht über die große Anzahl unserer tollen, sonnigen Jahreszeiten. Mein Gesprächspartner wurde melancholisch, als er von folgendem Sommer berichtete:

Wie oft haben wir schon über Rotweintassen gesessen unter der Lampe mit dem roten Schirm und nichts gesagt? Wie oft haben wir schon die CD im roten Radio durchlaufen lassen und keiner hat sich danach in der Stille bewegt? Wie oft ist jemand reingekommen, nachts um drei, wenn wir unter der roten Lampe saßen, jeder vor seiner Rotweintasse, und schwiegen?
Wenn jemand reinkam, nachts um drei, und uns schweigend sitzen sah, dann fing er meist an, laut gegen unsere Stille anzureden. Einmal ist es auch passiert, dass sich einer umdrehte und ging. Wir haben noch immer nichts gesagt. Irgendwann stand ich auf, um meine Tasse wieder aufzufüllen mit dem Rotwein vom Weinhandel um die Ecke. Das waren Zeiten, als wir den ganzen Sommer jede Woche in den Weinhandel gegangen sind! Wir haben so viel Rotwein getrunken, einander so viel erzählt, dass wir eines Abends zum ersten Mal nichts mehr zu sagen hatten. Erst wurde die Stille noch von Musik gefüllt, aber als die ausgelaufen war, war da nur noch ein Schweigen und das leise Geräusch unserer Atmung. Ich werde diese Momente niemals müde werden. Das Schweigen mit dir vor den Rotweintassen. Das Schweigen, das mehr erzählt als alle Worte, die wir vorher geteilt haben. Und doch: Niemals bin ich es müde, dir zuzuhören, wenn du erzählst.